Erinnerung bewahren – Gegen das Vergessen kämpfen

27. Januar 2025

Rede des stellv. Vorsitzenden des Freundeskreises Gebeugter leerer Stuhl e.V., Raoul Koether, zur Gedenkveranstaltung des Kulturforums München-West „Das Erinnern darf kein Ende haben“ am Gebeugten leeren Stuhl in Obermenzing am 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

27.01.2025

Es gilt das gesprochene Wort!

Erinnerung bewahren – Gegen das Vergessen kämpfen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Erinnerungskultur, wir stehen heute hier, an diesem besonderen Ort des Gedenkens, am „Gebeugten leeren Stuhl“. Dieses Mahnmal erinnert an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die einst Teil dieser Stadt waren – bis sie verfolgt, entrechtet und ermordet wurden. Der Stuhl ist leer, weil sie nicht mehr zurückkehren konnten. Er ist gebeugt unter der Last der Geschichte – doch er steht als Mahnung an uns alle, das Erinnern lebendig zu halten.

Als Freundeskreis „Gebeugter leerer Stuhl“ setzen wir uns genau dafür ein: Wir bewahren die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, wir klären auf, wir halten die Mahnung wach. Unser Ziel ist es, mit Ihrer Unterstützung und unterstützt durch Mittel des Freistaates Bayern, an verschiedenen Orten in der Region und in ganz Bayern weitere gebeugte leere Stühle zu errichten. Denn Gedenken ist nicht nur ein Blick in die Vergangenheit – es ist eine Verantwortung für die Zukunft.

Doch genau diese Verantwortung scheint zu verblassen.

Eine aktuelle Umfrage der Jewish Claims Conference zeigt alarmierende Zahlen:

• 12 % der 18- bis 29-Jährigen in Deutschland haben noch nie von „Holocaust“ oder „Schoah“ gehört.
• 40 % dieser Altersgruppe wissen nicht, wie viele Menschen das NS-Regime ermordete.
• Und 2 % aller befragten Deutschen glauben sogar, der Holocaust sei nie passiert.

Diese Zahlen erschüttern. Denn sie zeigen: Das Wissen über die Vergangenheit geht verloren – und mit ihm die Lehren, die wir daraus gezogen haben.

Manche sagen: „Es reicht doch jetzt.“ 80 Jahre nach nach der Befreiung von Auschwitz müsse doch endlich Schluss sein mit der Erinnerungskultur. Elon Musk, der Mann, der mit Gesten und Worten die Grenzen des Unsäglichen zu verschieben versucht, wurde vorgestern bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Halle virtuell zugeschaltet. In einem offensichtlichen Verweis auf Deutschlands NS-Vergangenheit erklärte er – sein lächelndes Gesicht auf eine riesige Leinwand projiziert –, dass ‚Kinder nicht für die Sünden ihrer Eltern verantwortlich gemacht werden sollten, geschweige denn für die ihrer Urgroßeltern.‘ und fügte unter dem tosenden Applaus der Menge hinzu ‚Es wird viel zu sehr auf vergangene Schuld fokussiert – wir müssen endlich darüber hinwegkommen.

Doch wir sagen: Nein.

Denn wir erleben gerade, wie sich Geschichte zu wiederholen droht.

Faschismus kehrt zurück – weltweit

Die Geister der Vergangenheit kehren zurück. Nicht in braunen Uniformen, sondern in Anzug und Krawatte, hinter Wahlurnen und mit wohlklingenden Phrasen.

• In den USA erstarkt unter Donald Trump eine Bewegung, die demokratische Institutionen untergräbt, Minderheiten angreift und autoritäre Strukturen verherrlicht. Trump selbst hat gesagt, er werde im Falle eines Wahlsiegs seine Gegner „auslöschen“. Wer die Geschichte kennt, hört in solchen Worten die Echos der Vergangenheit.
• In Italien regiert eine Partei mit Wurzeln im Faschismus Mussolinis – und sie schämt sich nicht dafür.
• In Österreich könnte die FPÖ bald de Bundeskanzler stellen – eine Partei, die mit dem rechtsextremen Rand flirtet.
• In Deutschland wächst die AfD – eine Partei, deren Mitglieder den Nationalsozialismus verharmlosen, die Grenzen zwischen Erinnerung und Relativierung verwischen und die Menschenrechte infrage stelle.

Wir sehen, wie sich Hass wieder ausbreitet. Wie Populisten die Gesellschaft spalten. Wie Brandmauern eingerissen werden. Wie Demokratie und Menschenrechte in Gefahr geraten. Und genau deshalb müssen wir uns dieser Entwicklung entgegenstellen.

Erinnerung ist kein Selbstzweck. Sie ist eine Schutzmauer gegen das Vergessen. Gegen das Verdrängen. Gegen das Wiedererstarken der Kräfte, die schon einmal unermessliches Leid über die Welt gebracht haben. Wir müssen junge Menschen aufklären, sie mit den Fakten der Geschichte konfrontieren. Denn Unwissenheit ist der Nährboden für Verschwörungstheorien, für Hass, für Hetze.

Wir müssen widersprechen, wenn Antisemitismus und Ausgrenzung wieder salonfähig werden.
Wir müssen laut bleiben, wenn andere schweigen.
Wir müssen handeln, wenn andere abwarten.
Wir müssen erinnern, wenn andere vergessen wollen.

Denn wer schweigt, macht sich mitverantwortlich.

Wir stehen heute hier – für die Millionen Ermordeten. Für die Überlebenden. Für die, die keine Stimme mehr haben. Und für die Zukunft, die wir schützen müssen. Lasst uns gemeinsam erinnern. Lasst uns gemeinsam gegen das Vergessen kämpfen. Denn „Nie wieder“ ist kein Lippenbekenntnis – es ist ein Auftrag.